Tagung 'Bibelepik. Narratologische Perspektiven auf eine europäische Tradition'

2021-12-28

Die Tagung findet vom 14.-16. Februar 2022 online statt. Gäste sind herzlich willkommen. Anmeldungen bitte an herausgeber@erzaehlforschung.de.

Die Tagung untersucht die literarische Tradition der Bibelepik in ihrer europäischen Dimension, in diachroner Perspektive und mit den Mitteln der historischen Narratologie (zum Konzept s. unten)

Programm der Tagung:

Montag, 14. Februar 2022

14:30    Prof. Dr. Albrecht Hausmann (Oldenburg) / PD Dr. Anja Becker (München): Begrüßung und Einführung: „Narratologische Perspektiven auf eine europäische Tradition“

Sektion 1: „Erzähltechniken“ – Moderation: Martin Sebastian Hammer, M.Ed. (Wuppertal)

15:00    Prof. Dr. Ute Eisen (Gießen): Die Erzähltechnik im Lukasevangelium und im Johannesevangelium im Vergleich

15:45    Kaffeepause (Breakout-Sessions)

16:15    PD Dr. Thomas Kuhn-Treichel (Heidelberg): Erzähler, Figuren und Gott:  die ‚Alethia‘ des Claudius Marius Victorius als Beispiel für Nutzen und Grenzen narratologischer Kategorien

17:00    Lilli Hölzlhammer, M.A. (Uppsala): Die Kunst zu kürzen: ‚Dichte Beschreibung‘ in der byzantinischen biblischen Verserzählung ‚Tetrasticha‘ von Theodoros Prodromos

17:45    Möglichkeit des informellen Austausches über wonder.me

19:30    Abendvortrag: Prof. Dr. Henrike Lähnemann (Oxford): Ostern erzählen. Live-Präsentation der Medinger Handschriften aus der Bodleian Library (zugleich Oldenburger Universitätsvortrag)

 

Dienstag, 15. Februar 2022

Sektion 2: „Eine europäische Tradition“ - Moderation: Dr. Britta Bußmann (Oldenburg)

9:00     PD Dr. Klaus Kipf (München): reckean that girûni. Erzählverfahren in der karolingischen volkssprachigen Bibelepik (‚Heliand‘ und Otfrid von Weißenburg)

9:45     Prof. Dr. Sabrina Corbellini (Groningen): Quattuor Unum: Medieval Italian Gospel Harmonies

10:30    Kaffeepause (Breakout-Sessions)

11:00    Dr. Margriet Hoogvliet (Groningen): Manuscripts, readers, and reading practices of the ‘Roman de Dieu et de sa mere’ (c. 1150) by Herman de Valenciennes

11:45    Jun.-Prof. Eva von Contzen (Freiburg i. Br.): Netz und Raum: Kataloge in der englischen Bibelepik

12:30    Mittagspause

Sektion 3: „Bibelepik im hohen und späten Mittelalter“ – Moderation: Prof. Dr. Henrike Manuwald (Göttingen)

14:30    Prof. Dr. Elke Koch (Berlin): Erzählen oder/als Predigen. Wunder in mittelhochdeutscher Bibelepik

15:15    Prof. Dr. Katharina Philipowski (Potsdam): Können Figuren der Bibelepik transtextuell sein?

16:00    Kaffeepause (Breakout-Sessions)

16:30    Ass.-Prof. Rabea Kohnen (Wien)/Caroline Fußbach, M.A. (Bochum): Deutendes Erzählen – erzählendes Deuten. Das ‚Hohelied‘ Bruns von Schönebeck als literarischer Grenzfall

17:15    Dr. Hans Kienhorst (Nijmegen): „Eine Geschichte von bleibendem Wert, für Mutter und Kind“: (Wissenswertes über) das mittelniederländische Gedicht ‚Van den levene ons heren‘ nach der Utrechter Handschrift 1329

ab 18:00   Möglichkeit des informellen Austausches über wonder.me

Mittwoch, 16. Februar 2022

Sektion 4: „Bibelepik in der frühen Neuzeit“ - Moderation: Prof. Dr. Bruno Quast (Münster)

9:00     Prof. Dr. Astrid Lembke (Mannheim): Das spätmittelalterliche ‚Schmuelbuch‘ und verwandte jiddische Bibelepik

9:45     Prof. Dr. Kai Bremer (Osnabrück): „Die Christ-Erstehung ward von Weibern anvermeldt.“ Zum Verhältnis von Bibelepik und christlicher Lehrepik

10:30    Kaffeepause (Breakout-Sessions)

11:00    Prof. Dr. Daniel Weidner (Halle a. d. Saale): Bibelepik um 1800

11:45    PD Dr. Anja Becker (München): Abschlussdiskussion

12:30    Ende der Tagung

Gefördert aus Mitteln des Niedersächsischen Vorab

Zum Tagungskonzept:

Die Tagung erforscht erstmals die seit der Spätantike bis in die Neuzeit hinein in ganz Europa verbreitete Gattung der Bibelepik in interdisziplinärer Perspektive und mit den Mitteln der historischen Narratologie.

In bibelepischen Dichtungen werden einzelne Geschichten bzw. ganze Bücher der Bibel oder sogar das komplette Alte und/oder Neue Testament in spezifischer Weise nacherzählt: Indem die spätantiken Gattungsbegründer (u. a. Juvencus, Sedulius) biblische Stoffe in die be­wunderte Form des Vergilʼschen Hexameterepos bringen, überformen sie die als schlicht empfundene Sprache der Bibel mit dem Anspruch formaler und rhetorischer Stilisierung. Die als Evange­lien­harmonien angelegten bibelepischen Dichtungen stellen sich zudem der narrativen Heraus­forderung, aus den vier Evangelien eine einzige umfassende und in sich konsistente Erzählung vom Leben Jesu zu entwerfen, wobei sich einige Vertreter dieser ›Untergattung‹ sehr eng (auch sprachlich) am Prätext orientieren. Seit dem frühen Mittelalter entstehen dann in allen europäischen Volkssprachen Para­phrasen biblischer Erzählungen in Stab- oder End­reim­versen, die eine deutlich größere Freiheit in der Nacherzählung der heiligen Stoffe wie auch eine erstaunliche Offenheit für die Integration apokrypher und legendarischer Geschichten aufweisen. Die Art und Weise des Erzählens wird dabei im Mittelalter und in der (frühen) Neuzeit nicht nur von den Vorbildern Bibel und (antikes) Epos geprägt, sondern ebenfalls von zeitgenössischen Gattungen wie der Heldenepik, dem höfischen Roman, der Chronistik, der Lehrdichtung und dem geistlichen Spiel.

Bibelepisches Erzählen zeichnet sich folglich durch Hybridität aus. Leitthese der Tagung ist, dass diese Hybridität die Bibelepik zu einem besonders produktiven Gegenstand für die histo­rische Narratologie macht. Zugleich handelt es sich um eine epische Tradition, die die euro­päische Literatur von der Spätantike bis in die Moderne hinein geprägt hat und damit Möglich­keiten sowohl für interdisziplinäre als auch epochenübergreifende Fragestellungen eröffnet. Die Tagung bringt Forscherinnen und Forscher aus den verschiedensten Disziplinen (Theologie, Byzantinistik, Klassische Philologie und Neulatein, Ältere und neuere deutsche Literatur­wissen­schaft, Anglistik, Romanistik, Italianistik, Niederlandistik, Jiddistische Literatur­wissen­schaft und Komparatistik) zusammen, die in ihren Vorträgen bibelepische Werke unterschied­licher Epochen (Spätantike, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Moderne) mit den Mitteln der histo­rischen Narratologie analysieren. Auf diese Weise wird ein interdisziplinäres Gespräch über die europäische Bibelepik initiiert, das bislang noch völlig fehlt und das Grund­lage für weiterführende Projekte werden kann und soll.